Polarreise - Eine Reise in das ewige Eis
Ihre Reise in eins der Polargebiete, liebe Leser, wird vielleicht ein Aufbruch in unbekannte Welten für Sie sein, aber bei jeder organisierten Tour steht die Sicherheit der Touristen an allererster Stelle. Wie anders waren da die Entdeckerfahrten früherer Zeiten! Ferne Länder zu erkunden, neue Weg zu begehrten Orten zu finden, überhaupt Neuland zu entdecken, war stets ein treibender Gedanke der Menschheit. Ob dabei wirtschaftliche Interessen, wie bei Kolumbus und seinen Nachfolgern, oder der reine Forschergeist im Vordergrund standen – es wurden unwägbare Risiken eingegangen, und unvorstellbar entbehrungsreiche und strapaziöse Jahre lagen vor den Entdeckern.

Heute weiß man, dass der Nordpol selbst nur mit einem Eisbrecher zu erreichen ist, und das auch nur in den Sommermonaten. ‚Windrose Fernreisen’ ist einer von mehreren Veranstaltern, die Ihnen die Möglichkeit bieten, auf den Spuren der frühen Forscher zu diesem Ziel zu gelangen. Von Murmansk aus fahren Sie mit einem russischen Eisbrecher viele hundert Kilometer nordwärts. Sie bewundern das in allen Farben schillernde Eis, das sich unendlich weit hinzieht, gewöhnen sich an die niemals untergehende Sonne und sind glücklich über die Begegnung mit den Eisbären, die sich recht neugierig Ihrem Schiff nähern.

Vielleicht gelingt es Ihnen zwischenzeitlich, an die Strapazen und Gefahren zu denken, denen sich die Forscher seinerzeit ausgesetzt haben. Ohne deren Einsatz, den viele von ihnen mit dem Leben bezahlen mussten, kämen wir alle heute nicht in den Genuss einer so unvergesslich schönen Reise.

Da sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte ungezählte Forscher der Erkundung des Nordpols verschrieben haben und mit mehr oder weniger großen Teilerfolgen zurückkehrten, sollen an dieser Stelle lediglich diejenigen Erwähnung finden, die tatsächlich Meilensteine gesetzt haben.

Im 4. vorchristlichen Jahrhundert begab sich der Grieche Pytheas von Massilia, dem heutigen Marseille, auf eine Reise gen Norden, um den Seeweg zu den Zinninseln im Südwesten Englands zu erkunden. Einmal da, machte er einen Abstecher noch weiter in nördliche Richtung, bei dem er die gesamte britische Insel umrundete und sogar bis nach Island kam. Seine Berichte von der Sonne, die nicht untergeht, vom Meer, das alle sechs Stunden kommt und wieder geht und vor allem von einem gänzlich zugefrorenen Meer klangen für seine Zeitgenossen daheim so verschroben, dass sie ihnen keine Bedeutung beimaßen. Aber heute gilt Pytheas als der erste Mensch südlicher Breiten, der das Eis des Arktischen Meeres gesehen hat.

Etwa 1200 Jahre später machten sich die Wikinger, die ohnehin im Norden lebten und bis heute bekannt sind für Ihre vielfältigen Entdeckungsfahrten, auf zu neuen Ufern und umsegelten erstmals das Nordkap.

Seit dem späten 15. Jahrhundert schließlich waren die Menschen besessen von der Idee, einen komfortablen Seeweg nach Indien zu finden, bei dem das gefährliche Kap bei Südafrika nicht zu umschiffen war. Viele versuchten sich auch nach Kolumbus an dem Weg in westlicher Richtung, aber einige hatten den an sich logischen Gedanken, eine Abkürzung Richtung Norden einzuschlagen. Aus heutiger Sicht musste ein solches Vorhaben mit den schlichten und einfach ausgerüsteten Holzbooten scheitern.

Aber immerhin fand im späten 16. Jahrhundert der Niederländer Willem Barents bei Spitzbergen zahlreiche Grünlandwale, die zwar keinen Ersatz für die Gewürze Indiens darstellten, aber deren Tran doch so wertvoll erschien, dass sie schon wenig später beinahe völlig ausgerottet waren. Barents war auf der Suche nach der Nordostpassage nördlich von Sibirien gewesen. Zusammen mit Jan Cornelisz Rijp machte er sich 1596 erneut auf den Weg, jeder in einem eigenen Boot, wobei Rijp über den Nordpol nach Asien gelangen sollte, während es Barents an Nowaja Semlja vorbei ins Karische Meer zog. Hier wurden sie allerdings vom Wintereinbruch überrascht, und Barents kann immerhin für sich die Tatsache verbuchen, als erster Entdecker in der Arktis überwintert zu haben. Leider starb er auf der Rückfahrt nach Russland.

1773 gelangte der Engländer Constantine John Phipps zwar auch nur bis zur nördlichen Breite von 81°, aber auf seiner Expedition wurde erstmals Trinkwasser durch Destillation aus dem Meer gewonnen.

In den folgenden Jahrzehnten kam man zu der Überlegung, dass es wohl tatsächlich keine eisfreie Zone im arktischen Meer gebe. Auch der Vorstoß zum Nordpol mit Skiern und Hundeschlitten war letztlich erfolglos. Aber man war sicher, dass es auch einen Seeweg in östlicher Richtung nach Asien geben müsse, und dem Schweden Nils Adolf Erik Nordenskiöld war es vergönnt, diesen 1887 bis 1880 tatsächlich als erster zu befahren.

Es sollte jedoch noch fast 30 Jahre dauern, bis die gesamte Nordwestpassage von Europa aus am Norden Asiens vorbei bis nach Japan erfolgreich durchfahren wurde, nämlich 1903 bis 1906 von Amundsen.

Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert wurden viele Nationen von dem Gedanken getrieben, endlich bis zum Nordpol vorzudringen. Ein Abenteuer der ganz besonderen Art wagte Fridtjof Nansen 1893 bis 1896. Er konstruierte die ‚Fram’, ein besonders robustes Holzschiff, mit dem er sich vom nordischen Eis einschließen und mit der (zu Recht vermuteten) transpolaren Strömung bis zum Nordpol und sogar darüber hinaus treiben zu lassen. Und tatsächlich klappte dieses waghalsige Unterfangen zumindest teilweise. Aber 500 km vor dem Nordpol war die Fahrt zu Ende, und Nansen versuchte den Rest zu Fuß, musste allerdings nach etwa der Hälfte umkehren. Immerhin war er bis zu 86° 14’ N gelangt, so weit, wie zuvor noch niemand. – Die ‚Fram’ und viele andere Ausrüstungsgegenstände sind heute im Frammuseum von Bygdoy zu besichtigen. Jeden Besucher wird ein Schauer überlaufen bei der Vorstellung, welchen Strapazen sich die frühen Forscher ausgesetzt haben.

Wenn schon nicht mit dem Schiff durchs Eis oder zu Fuß bzw. mit Schlitten über das Eis, warum dann nicht aus der Luft zum Nordpol vordringen – hat sich wohl mancher Forscher gefragt. Ein Pionier auf diesem Gebiet war der Schwede Salomon Andrée, der 1897 mit einem Heißluftballon von Spitzbergen aus in Richtung Nordpol aufbrach. Unnötig zu erwähnen, dass bei 83° N Schluss mit der Reise war. Völlig unnötig war aus heutiger Sicht auch das gesamte Unterfangen, das mit dem Tod des Entdeckers und seiner Gefährten endete.

Auch die Versuche anderer Pioniere, mit dem Flugzeug als erste zum Nordpol zu gelangen, blieben erfolglos.

Der ersehnte Erfolg war schließlich dem Amerikaner Robert Edwin Peary vergönnt, der am 6. April 1909 endlich zusammen mit einem Diener und vier Inuit am Ziel der Träume anlangte – am Nordpol! Zuvor hatte er bereits mehrere Arktisexpeditionen unternommen, bei denen ihn zum Teil auch seine Frau begleitet hatte. Sie muss besonders unerschrocken und robust gewesen sein, denn auf einer der Erkundungsfahrten brachte sie nördlich des Polarkreises eine gesunde Tochter zur Welt – allein bei dem Gedanken daran dürfte den meisten Müttern das Blut in den Adern gefrieren (im wahrsten Sinne des Wortes!). Den Weg auf dieser endlich erfolgreichen Expedition haben die unerschrockenen Gefährten auf ganz ‚herkömmliche’ Weise zurückgelegt, nämlich wandernd. Für heutige Experten erscheint es mehr als unwahrscheinlich, bei den widrigen Bedingungen und mit schwerem Gepäck jeweils 45 km innerhalb von 12 Stunden zurückzulegen, und zwar zu Fuß in einem mehr als unwegsamen Gelände.

Gleichwohl ließ sich Peary nach seiner Rückkehr in den USA als Held und erster Bezwinger der Arktis feiern, aber leider trat Frederik Cook, sein ehemaliger Expeditionsarzt, auf den Plan und behauptete, bereits ein Jahr zuvor den Nordpol erreicht zu haben. Es ist verständlich, dass es in der Folgezeit zu Streitereien zwischen den Kontrahenten kam, in deren Verlauf sie sich gegenseitig des Betrugs bezichtigten. Nach Auswertung sämtlicher Unterlagen und Aufzeichnungen wurde aber schließlich der Sieg im Wettrennen um die Entdeckung des Nordpols Peary zuerkannt.

Und danach klappte es plötzlich auch mit der Überfliegung. Am 10. Mai 1926 benutzten der Italiener Umberto Nobile, der Amerikaner Lincoln Ellsworth und der Norweger Roald Amundsen das halbstarre Luftschiff ‚Norge’ und gelangten damit von Spitzbergen aus über den Nordpol bis nach Alaska.

Damit war endgültig der Weg frei für wissenschaftliche Expeditionen und letztlich auch für die Urlaubsreisen, für die Sie, liebe Leser, sich zu Recht interessieren.

Der Norweger Raold Amundsen hatte im August 1910 den Hafen von Christiana gerade in nördlicher Richtung verlassen mit dem Ziel, als Erster am Nordpol zu sein, als ihn die Nachricht erreichte, dass Peary ihm dort zuvorgekommen sei. Kurzerhand änderte er seinen Plan und segelte nach Süden, nach dem Motto. „Besser Erster am Südpol als Zweiter am Nordpol.“ Und tatsächlich schaffte er es, seinen großen Rivalen Robert Scott zu überflügeln und am 19. Oktober 1911 den 90. Breitengrad im Süden zu erreichen.

Dabei hatte Scott die allerbesten Voraussetzungen dafür geschaffen, diesen Ruhm für sich einzuheimsen. Per Zeitungsinserat hatte er freiwillige Begleiter gesucht – es meldeten sich über 8000 Menschen, obwohl der Anzeigentext alles andere als verlockend formuliert gewesen war. Und eine mehr als einjährige Vorbereitungsphase war Scotts Start Richtung Südpol vorausgegangen. Wie groß muss seine Enttäuschung gewesen sein, keine zwei Wochen nach Amundsen am Südpol einzutreffen!

Aber dem Norweger Amundsen kam die Tatsache zugute, dass er aufgrund reicher Erfahrung in den Nordmeeren und dem arktischen Eis seine Route zwar kühn, aber geschickt plante. Wir wissen zwar heute, dass sich die beiden Polargebiete sehr stark voneinander unterscheiden, aber für die Seefahrer der Vergangenheit bestanden beide aus einer dicken Eisschicht, die es, wenn schon nicht zu durchfahren, so doch zu überqueren galt.

Dabei kursierten früher recht unterschiedliche Vorstellungen über die Antarktis. Die Griechen, die durch Pytheas eine vage Vorstellung vom hohen Norden bekommen hatten, vermuteten wegen ihres Symmetriegefühls eine ähnlich angeordnete Gegend im Süden der Erde. So zeichnete Ptolemäus im 2. vorchristlichen Jahrhundert kurzerhand eine Region ein, die tatsächlich in etwa dem Südpolargebiet entsprach, und deren Form mehrere Jahrhunderte lang Bestand haben sollte.

Allerdings stellte man sich über viele Jahrhunderte hinweg eine üppige Tropenvegetation dort im tiefen Süden vor. Diese Gedanken wurden verstärkt durch die Berichte des englischen Seefahrers James Cook, der ab 1772 mehrere Jahre durch die Meere der Südhalbkugel kreuzte, das eine oder andere Land entdeckte, aber insgesamt nicht die erhoffte Region fand. Seine Berichte lösten indessen eine wahre Aufbruchstimmung aus, leider allerdings nicht bei Wissenschaftlern, sondern bei Walfängern und Robbenschlägern, die sich vom Tierreichtum in den südlichen Gewässern Reichtum erhofften, und deren Beschreibungen wiederum für eine regelrechte Invasion von Forschern in die südlichen Meere sorgten.

Einer der bedeutendsten war der Engländer James Clark Ross. Er verfügte über reichlich Erfahrung in den Nordpolargewässern und machte sich 1841 auf, um bis zum magnetischen Südpol vorzudringen. Zwar scheiterte dieses Unterfangen, denn er hatte auf einem Durchgang im dicken Eis gehofft. Schließlich zeigte ihm aber die ungewöhnlich ausschlagende Kompassnadel an, das er sich seinem Ziel bis auf 500 km genähert hatte – aus unsere Sicht eine unüberwindbare Entfernung mit der unzureichenden Ausrüstung, für die damaligen Abenteurer hingegen ein Katzensprung, den er zu seiner großen Enttäuschung jedoch nicht bewältigen konnte. Aber immerhin verdanken wir ihm die Entdeckung des Mount Erebus, eines noch heute aktiven Vulkans, den Ross nach einem seiner Schiffe benannte, und des Ross-Meeres. An seinen Ufern lebt über die Hälfte aller Adeliepinguine, die hier ein hervorragendes Nahrungsfeld finden.

Diese Region ist zumindest für Europäer ein sehr entlegenes Gebiet der Antarktis. Ihre Südpolarreise, liebe Leser, wird Sie wahrscheinlich nur dann in diese Region bringen, wenn Sie von Neuseeland aus aufbrechen, was etwa bei Ikarus-Reisen und Travel-Shop möglich ist. Der überwältigende Anblick der ungeheuer vielen Adeliepinguine entschädigt für die lange Anfahrt.

Einen weiteren Meilenstein in der Erkundung des Südpols setzte der Engländer Edgeworth Davis. 1907 machte er sich mit zwei Gefährten zu Fuß auf die 2.700 km lange Strecke über das dicke Eis. Aus eigener Kraft zogen sie die schweren Schlitten und erreichten tatsächlich am 15. Dezember 1908 den magnetischen Südpol, wo sie eine britische Fahne ins Eis rammten. Der Rückweg gestaltete sich noch schwieriger als der Marsch zum ersehnten Ziel, und nur mit Glück konnten sie gerettet werden.

Zu der Zeit wusste man bereits, dass der magnetische und der geographische Südpol keineswegs identisch sind. Das erklärte Ziel etlicher Forscher war es nun, den Wettlauf zum Punkt bei 90° S zu erreichen. Und wie wir wissen, schaffte das Raold Amundsen.

Aus unserer heutigen Sicht neigen wir dazu, die teils abstrusen Vorstellungen, die sich die frühen Seefahrer von Antarktika machten, zu belächeln. Wir wissen schließlich heute recht genau, was sich dort abspielt, wie man am besten dorthin gelangt und sich auf dem unwegsamen eisigen Gelände fortbewegen kann.

Dennoch können die Strapazen und Risiken, denen man sich damals aussetzte, nicht hoch genug gewürdigt werden. Denn ohne die tollkühnen Unternehmungen aus früheren Zeiten könnten wir jetzt nicht unbeschwert die überwältigenden Naturlandschaften mit ihrem einzigartigen Tieren bewundern – und das aus nächster Nähe, aber sicher und gut geschützt.

Und wer weiß, wie spätere Generationen unsere Bemühungen um die Erforschung des Weltalls beurteilen…



© 2008-2015